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Freiheit und Verantwortung - Muslimische Frauen in Europa

Sehr verehrte Damen, sehr verehrte Herren,
herzlichen dank für die Einladung und für die Möglichkeit hier zu ihnen sprechen zu können.

Ich freue mich. Aber eins kann ich gleich am Anfang sagen, damit kein falscher Eindruck entsteht:
Mut gehört bei dem was ich mache nicht dazu.
Ich lebe in einem freien Land, ich kann sagen und schreiben was ich für richtig halte. Ich mische mich politisch da wo ich kann und gerufen werde ein, werde meist gehört und manchmal gedruckt, und bekomme manchmal sogar Preise. Ich werde weder bedroht, noch muß ich mich vor der Polizei oder der Staatsanwaltschaft fürchten. Im Gegenteil.
Ich hätte all dies nicht tun können, wenn ich nicht in der Gewerkschaft, auf der Universität und im privaten Umfeld immer wieder Menschen begegnet wäre, die mich bestärkt hätten, meine Meinung zu sagen, die aber vor allem mir gezeigt haben, dass es zu einer demokratischen Gesellschaft gehört, als Einzelner Verantwortung zu übernehmen. Für sich und für andere.

Aber die Freiheit so zu leben , zu nutzen, muß man lernen. Ich hatte eine gute Lehrerin. Simone de Beauvoir.

Ich habe zu ihr ein ganz persönliches Verhältnis, denn sie begegnete mir nicht als politische Figur der Frauenbewegung, mit der hatte ich mit Anfang Zwanzig noch nichts zu tun. Die Schlachten der Frauenbewegung wie „Mein Bauch gehört mir“ und „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ waren längst geschlagen, nicht alle wurden gewonnen. Ich war viel zu sehr mit meiner eigenen Befreiung beschäftigt, hatte mich von meinem Vater, meiner Familie, getrennt und wollte leben. Ich lernte „die Tochter aus gutem Hause“ durch ihre Memoiren kennen, las wie die junge Simone, heimlich nach der Schule im Park auf der Bank saß und ihre Freiheit genoß, sie war eifersüchtig auf eine Frau, die mehr Bücher besaß, als sie.
Sie war mir wie eine Schwester, denn sie liebte das Leben wie ich. Meine erste Reise, die ich ganz allein unternahm, war eine 69-Mark-hin-und zurück Busfahrt von Hamburg nach Paris, um für einen Tag in die Nähe von ihr zu sein. Ich rauchte eine Zigarette im Cafe de Flor, sah zu dem Fenster ihrer Wohnung hinauf und setzte mich auf eine Bank im Jardin du Luxemburg und genoß das Gefühl, ganz für mich und ich selbst zu sein. Diese Freiheit, ganz bewusst für sich selbst und sein Tun verantwortlich zu sein, wurde mir klar, war das, was ich am meisten vermisst hatte und nie wieder hergeben würde.

Sie können es sich vielleicht nicht vorstellen, aber für mich ist Freiheit zu haben, Verantwortung zu übernehmen ein großes Glück.

"Freiheit" habe ich als Kind nur als etwas Fremdes, den Männern vorbehaltenes kennengelernt.
"Freiheit", heißt auf türkisch "Hürriyet". Dieses Wort stammt von dem arabischen Begriff hurriya1 ab, das in seiner ursprünglichen Bedeutung , das Gegenteil von Sklaverei meint, und nicht das, was in der westlichen Tradition mit „libertas“ verbunden wird, nämlich die Befreiung des Einzelnen von jedweder, auch religiöse Bevormundung. Hurriya bedeutet, ein Sklave wird "frei" um Allah zu dienen. Für gläubige Muslime besteht in diesem Sinne Freiheit in der bewussten Entscheidung, „Den Vorschriften des Islam zu gehorchen“.

Als ich meine, in der türkisch-muslimischen Tradition verhaftete Mutter fragte, wann ich denn – ich war 16 oder 17 Jahre alt - wann ich frei sein würde, in dem Sinne, wann ich denn für mich entscheiden könne, sagte sie mir: „Die Freiheit ist nicht für uns gemacht.“ Sie verstand meine Frage nicht. Für sie war „frei sein“ gleichbedeutend mit „vogelfrei“ sein, das heißt ohne Schutz sein.

„Frei sein“ ist schutzlos, verlassen sein. Die Frau ist im Zweifelsfall der Gewalt der Männer ausgeliefert, denn die Männer der Familie schützen die Frauen vor der Gewalt fremder Männer. Ist der eigene Mann gewalttätig, so ist das kismet., Schicksal. Männer, das sind in der Lebenswelt immer noch vieler muslimischen Frauen, Beschützer und Bewacher. Die Männer sind die Öffentlichkeit und die Frauen ihre Privatheit.

Für viele muslimische Frauen ist die Freiheit „von etwas“. Frei vor Anfeindungen Fremder, aber auch frei von Verantwortung für sich selbst, frei von eigenem Willen.
Sie werden einwenden, dass ist doch die Ausnahme und sicher kennen sie Frauen, die Musliminnen sind und trotzdem selbständig.
Ja, sage ich, auch das stimmt.

Natürlich gibt es Frauen, die sich diesem kulturellen System längst entzogen haben, weil es den Anforderungen der modernen Gesellschaft und den Wünschen der Frauen in der heutigen Zeit widerspricht. Und zum Glück bietet gerade unsere Gesellschaft diese Möglichkeit. Die aber die es gelernt haben ihre Freiheit zu nehmen vergessen leider allzu schnell die anderen und sprechen von ihrem persönlichem Freiraum, als sei der für alle selbstverständlich.

Ich bin in einer muslimisch-türkisch geprägten Gemeinschaft aufgewachsen, in der solche Gedanken für Mädchen und Frauen tabu waren und oft noch sind. Es war wohl meine Rettung, dass ich mich instinktiv gegen die Bevormundung meines Vaters gewehrt hatte. Und es war mein Glück, dass er den Kampf aufgab und uns verließ. Das wir nur noch zu dritt waren und ich zum Glück einen Bruder hatte, der zu mir hielt, mir half meinen eigenen weg zu gehen. Denn in einer traditionellen Großfamilie mit vielen Brüdern und Cousins und Onkeln und Tanten, hätte das „Volksgericht“ wie ich viele Familien bezeichne, meinen Aufstand niedergeschlagen und ich stände nicht hier.

So konnte ich mich später in meinem Studium und in meinen Forschungen auch mit der Frage beschäftigen, warum meine Herkunftsgesellschaft dem weiblichen Geschlecht verweigert „für sich selbst zu sein“.

Ich bin bei meinen Arbeiten zu dem Ergebnis gekommen, dass die besondere Lage der Frauen in muslimischen Communities in der Migration wie in den Herkunftsländern, nicht so sehr durch die soziale Lage bestimmt wird, dass sie nicht von den christlich-säkularen Mehrheitsgesellschaften per se benachteiligt werden, sondern sich die Diskriminierung in der kulturellen Herkunft, genauer in der Kultur und des traditionellen und politischen Islam selbst festmachen lässt. Ich spreche hier jetzt nicht vom spirituellen Glauben, den jede und jeder leben kann wie er will, sondern vom Islam als politische Weltanschauung, als die Gesellschaft und alle Lebensbereiche bestimmende Institution.

Obwohl die aktiven Muslime meinen, zwischen Religion und religiöser Praxis trennen zu können und bei Missständen sagen , „das ist nicht der Islam“, sind sie diejenigen, die die kulturelle Prägekraft und soziale Einflussnahme ihrer Religion immer besonders herausstellen und keine Trennung von Religion und Politik akzeptieren.

Ich spreche damit unsere Gesellschaft nicht von der Verantwortung frei, für alle Mitglieder auch die Schwachen und Benachteiligten zu sorgen und Chancen zu eröffnen. Wir haben da einiges aufzuholen. Aber es wird nicht funktionieren, wenn nicht Bereitschaft besteht, in und für die Gesellschaft selbst zu wirken, sich in die eigenen Angelegenheiten einzumischen, und dabei als ein Teil der Gesellschaft zu begreifen. Die Migrantenkinder sind Kinder unserer Gesellschaft. Und wenn die Eltern diese Verantwortung nicht übernehmen können oder wollen, da sie ein anderes Konzept verfolgen, müssen wir durch sprachliche Früherziehung, Ganztagsschule und besondere Förderung dafür sorgen, dass sie unserer Gesellschaft nicht verloren gehen.

Die jungen Menschen müssen auch die Chance bekommen, sich beruflich zu integrieren zu können und dürfen nicht wegen ihrer Herkunft ausgegrenzt werden.
Dabei begreife ich den säkularen Staat und die Schule aber nicht als Servicestation für verschiedensten Kulturen, sondern als eine Wertegemeinschaft, die die freiheitliche Grundordnung erlebbar macht und vermittelt.

Aber zurück zum Begriff Freiheit und Verantwortung- und Einmischung.
In der säkularen Gesellschaft ist ein Teil der Verantwortung für das eigene Verhalten ins Innere verlegt, ´es wird Gewissen genannt, andere Regeln wurden nach Außen in die Gemeinschaft entlassen, damit meint man Gesetze.
Wenn traditionelle Muslime meinen, Frauen müssten sich verschleiern, weil die Männer sonst ihrer Triebe nicht Herr würden, und die Frauen seien vor ihnen nicht geschützt, verkehrt man die Verantwortung für das eigene Verhalten ins Gegenteil, denn zu den wichtigsten Errungenschaften der Zivilgesellschaft gehört die Beherrschung des Sexualtriebs.
Die Gesellschaft muss von einem Mann verlangen, Frauen nicht zu belästigen. Nicht das potentielle Opfer muss sich verschleiern, sondern der Täter eines sexuellen Übergriffs muß von der Gesellschaft zur Verantwortung gezogen werden.

Freiheit die mittlerweile als selbstverständlich angesehen wird, macht vielen Frauen Angst. Sie haben Angst vor der Freiheit, weil sie sie nicht kennen. Sie wissen nicht, was frei, unabhängig sein, was Verantwortung für sich selbst zu tragen bedeutet. Wem von Kindesbeinen an eingebläut wird, dass man zu gehorchen hat und wer nichts anderes sieht als die eigenen vier Wände, der fürchtet sich irgendwann vor eigenen Entscheidungen und sei es nur, im Wald spazieren oder allein zum Arzt zu gehen. Davon einmal ganz abgesehen, wie es gehen kann, dass aus Menschen, die nicht lernen, Verantwortung für sich selbst zu tragen, verantwortungsbewusste Bürger werden können, die im Staat mitentscheiden und sich einmischen sollen.

Ich bin deshalb vehement dafür, dass Kinder, ganz gleich woher sie kommen, erst lernen sich selbst auszuprobieren, dass sie schwimmen, auf Berge klettern, in Museen und Theater gehen, Das sie möglichst vieles selbst machen, dass man verhindert, dass sie „freiwillig“ ein Kopftuch aufsetzen, weil sie erst lernen müssen,
unabhängig zu werden und selbstständig zu denken. Körperliche und geistige Autonomie ist neben einer guten Ausbildung die Voraussetzung für Freiheit.

Freiheit muß man lernen.
Und unsere Schulen sind dazu da, neben allem anderen, dies unseren Kindern zu vermitteln. Ich bin deshalb auch gegen ein Kinderbetreuungsgeld, weil ich möchte, dass alle Kinder möglichst früh, also bereits im Kindergarten nicht nur mit der deutschen Sprache, sondern auch mit der Kultur der Selbsterfahrung und Selbständigkeit in Kontakt kommen. Und das können sie nicht bei einer Mutter, die aus Anatolien kommt, kein deutsch spricht und nichts von dieser Gesellschaft weiß.
Die Sprache des jeweiligen Landes zu beherrschen ist ein sehr wichtiges Mittel der Integration, ohne Sprache kann keine Bildung, keine Teilhabe gelingen. Aber nur mit Spracherziehung wird die Integration nicht gelingen, wenn es nicht gelingt, den Menschen eine Identität, ein Selbstbewusstsein als demokratische Bürgerin und Bürger zu geben.

Was ist Respekt

Aber lassen sie mich noch ein Beispiel geben, für die von mir als entscheidendes Integrationshindernis angesehene Kulturdifferenz und die Notwendigkeit eines Wertekonsenses. Im türkisch- muslimischen Wertekanon spielt der Begriff „Respekt“ eine große Rolle. Respekt vor dem Älteren, dem Stärkeren, vor der Religion, vor der Türkei , vor Vater, Onkel, Bruder. Wenn ein Abi, ein älterer Bruder von einem Jüngeren oder Fremden „Respekt“ einfordert, fordert er eine Demutsgeste ein. Auch erwachsene Söhne reden z.B. in Gegenwart ihrer Väter oder Onkel nicht unaufgefordert, sie ordnen sich unter, erweisen so dem Älteren „Respekt. „. Das ist die absolute Orientierung auf ein hierarchisch Höherstehenden, auf ein patriarchalisches System. „Respekt“ bedeutet deshalb in diesem Zusammenhang Unterwerfung und steht damit der Definition, was „Islam“ bedeutet, in nichts nach. Auch Islam bedeutet im Wortsinn Unterwerfung und Hingabe. Respekt haben bedeutet, die gegebenen Machtverhältnisse anerkennen, das impliziert, das Prinzip dieser Religion zu akzeptieren. Die Mitglieder der Gruppe, der Familie, des Clans usw. sind nicht gleich, sondern nach Geschlechtern, Alter und Rang abgestuft zu respektieren. Gegen einen Älteren aufzubegehren ist es in diesem religiös kulturellen System deshalb so, als würde man gegen die göttliche Ordnung aufbegehren.
Seine Meinung sagen, ist für ein Mädchen gegenüber einer Älteren oder gegenüber einem Mann ist „respektlos“. Ich habe beobachtet, dass Söhne im Alter von vielleicht 12 Jahren mit ihren Müttern zum Einkaufen gingen und das Portemonnaie in der Hand hielten und zahlten, weil der Junge während der Abwesenheit des Vaters als ältester Mann im Haus das Sagen hatte. Die Hierarchie ergibt sich nicht aus einer natürlichen Autorität, sondern wird über Alter und Geschlecht definiert, und dies ist gottgegeben.

Gesellschaftlich und im Glauben passiert etwas ähnliches. Man soll oder muß „Respekt“ gegenüber dem Propheten oder der Religion haben und darf nicht kritisieren oder Karikaturen zeichnen , weil man als Muslim - und als Ungläubiger schon gar nicht - das Recht hat, die göttliche Ordnung in Frage zu stellen.

Man darf nicht nur nicht die Ordnung in Frage stellen, man hat auch nicht das Recht überhaupt Fragen zu stellen, wenn es keine Verständnisfragen sind.
Kritische Fragen stellen, bedeutet zu zweifeln.

Und der Zweifel erscheint als Gotteslästerung und ist seit dem 12. Jahrhundert aus der islamischen Lehre verbannt.

In der Sure 3 Vers 110 läßt Mohammed Allah sagen:“ Ihr seid die beste Gemeinschaft, die je für Menschen gestiftet wurde,, Ihr gebietet was recht ist, verbietet, was verwerflich ist, und glaubt an Allah.“ Das Geschehen in der Welt ist demnach nicht von den Menschen zu bestimmen, sondern soll der Autorität Allahs folgen.
In der islamisch geprägten Gesellschaft hat man deshalb der gottgegebenen Ordnung „Respekt zu erweisen“. Der ältere Bruder beruft sich auf Gott, wenn er der Schwester Vorschriften macht. Die Mutter auf diese Ordnung , wenn sie die Tochter verheiratet.

Wenn in westlichen Wertmaßstäben von „Respekt“ gesprochen wird, ist damit Hochachtung, Rücksicht und auch „gelten lassen“ gemeint. Man muß als Einzelner den „Respekt verdienen“. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett beschreibt den „Respekt“ 2 als soziales Instrument gegenseitiger Rücksichtnahme, dass sich im Verhalten, Ritualen und nicht zuletzt in Gesetzen manifestiert und als „die Achtung der Bedürfnisse von Menschen, die einem nicht gleichgestellt sind“, definiert. Und Jürgen Habermas wiederum beschreibt damit die Achtung abweichender Meinungen, die anderen Interessen entspringen.
Sennett formuliert drei Leitgedanken, auf denen die Gesellschaft den Charakter des Menschen formen kann, den Respekt der anderen zu gewinnen.

1. die Entwicklung der eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten

2. die Sorge um sich selbst.

3.das Bestreben den anderen etwas zurückzugeben.

Oder um es prägnanter auszudrücken:
Mach etwas aus dir selbst! Sorge für dich selbst! Hilf anderen!

 

Ein Angebot

Durch jahrzehntelange falsche Integrationspolitik begünstig, fühlen sich viele muslimische Migranten, obwohl sogar die, die einen deutschen Paß haben und oft bereits 30 Jahre in diesem Land leben, immer noch z.B. Türken und haben Europa als ihre neue Heimat nicht angenommen.
Die Migranten und die in diesem Land geborenen Töchter und Söhne der Migranten und ihre Kinder müssen aber – wenn sie eine Identität finden wollen - dieses Land, als ihr Land, als neue Heimat begreifen lernen. Sie müssen bereit sein, dieses Land und die Menschen, die hier Leben kennen zu lernen, und wie Max Frisch gesagt hat; Demokratie als die Einmischung in die eigenen Angelegenheiten begreifen.

Dazu gehört, dass sie aufhören, die Europäer als Fremde oder „Ungläubige“ zu sehen, aufhören, die europäischen Sitten und Gebräuche zu verdammen oder zu ignorieren, sondern sich auch mit den Traditionen des jeweiligen Landes auseinandersetzen. Und die Europäer müssen aufhören, Migranten und ihre andere Einstellung zu den Kernfragen der Demokratie, unter Naturschutz zu stellen. Sie müssen mit den Muslimen bereit sein, den „Geist der Gesetze“ der Republik anzuerkennen, Europa als ihre gemeinsame Heimat annehmen, ihre Frauen vor Diskriminierung und Gewalt gemeinsam zu schützen, denn das ist die Voraussetzung für ein Miteinander.

Es mag befremdlich sein, Europa als Heimat zu akzeptieren, wenn selbst viele Deutsche mit der Identifikation mit ihrem Land Probleme haben. Wer als Deutscher sein Land, nur als die Wiege des Holocaust oder die Europäer nur als Kolonialherrscher und des Rassismus sieht, wer Nation mit Nationalismus gleichsetzt, Identität für Rassismus hält, hat natürlich Probleme anderen eine positive Sicht Europas zu vermitteln. Aber gibt es einen anderen Weg als dieses Land so zu nehmen wie es ist? Ich meine nein, denn das ist gerade auch seine Stärke, der Selbstzweifel. Eine kollektivistische Identität wie „das Türkentum“ oder die hegemoniale Idee des Islam als kollektive religion kann und will „der Westen“ nicht bieten. Die Identität dieses Landes ist die Freiheit, der Schutz des Einzelnen.

Aber auch Europäer müssen die Migranten als eine Bereicherung begreifen und gleichzeitig akzeptieren, dass die sozialen und kulturellen Differenzen und Probleme der Migranten die Sorgen der Europäer sind. Migranten sind nicht bedürftig, sondern haben andere Voraussetzungen mitgebracht.

Europa muss aufhören, die Migranten als Mündel zu betrachten, die muslimischen Migranten aufhören, sich als Opfer zu stilisieren.

 

Aufklärung

Ein grundlegendes Problem des Islam in diesem Zusammenhang ist die fehlende Trennung von Staat und Religion, die spätestens mit der Einführung der Orthodoxie im Jahr 847 staatliche muslimische Tradition wurde. (In den christlichen Gesellschaften fand die Trennung von Religion und Staat im Zuge der Aufklärung statt. Unter Säkularisierung wird die „Verweltlichung“ einer Gesellschaft verstanden. Das lateinische saeculum bedeutet Jahrhundert, einen befristeten Zeitraum, mit einem Anfang und einem Ende. Säkularisierung bezeichnet historisch den Übergang von „ewigen“ zu „zeitlichen“ Werten. Werte – und auch Glaubensinhalte – wurden damit erstmals in ihrem historischen Kontext gesehen, dem historisierenden Blick geöffnet. Sie konnten verworfen oder neu begründet werden, entstehen und vergehen. Diese Entwicklung wird als Aufklärung genannt. Sie hat den Freiheitsgedanken in die Welt gebracht. An die Stelle von Gottes Gesetz trat das von Menschen gemachte „Gesetz“, das Recht, ein. An die Stelle des von Gott gewollten Schicksals trat der sein Schicksal selbst in die Hand nehmende Vernunft begabte Mensch. „Enlightment“, das „Licht der Vernunft“, wie der englische Philosoph John Locke es genannt hat, befähigte ihn, die ihm bisher unverstandenen schicksalhaften Lebenswelten kognitiv zu durchdringen und sich intellektuell anzueignen. Wahre Aufklärung ist deshalb auch die Aufklärung des Menschen über seine Grenzen und die Erkenntnis eigenverantwortlicher Gestalter des Diesseits zu sein und nicht nur Vollstrecker eines jenseitigen Auftrags zu dienen.

Der Glaube wurde dadurch nicht abgeschafft, auch nicht bei den Christen. Aber mit der Aufklärung wurde ihm die Vernunft zur Seite gestellt, die Frage, der Zweifel. Keine Religion habe Anspruch auf absolute Wahrheit, schrieb der Vater aller jüdischen Aufklärer, Moses Mendelssohn. „Schickt euch in die Sitten und die Verfassung des Landes, in welches Ihr versetzt seid“, forderte er seine Glaubensbrüder auf. Er starb in demselben Jahr, in dem Ludwig Börne, geboren wurde. Börne, Heine und andere seiner Zeit haben die Stafette der Haskala, der jüdischen Aufklärung weiter getragen. Haskala heißt Bildung oder Klugheit. Sich selbst zu bilden, sich der fremden Kultur zu öffnen, z.B. Deutsch zu lernen, war für sie das Gebot, um gesellschaftliche Gleichberechtigung zu erwerben. Der sie umgebenden christlichen Mehrheitsgesellschaft waren diese aufgeklärten Juden weit voraus. Sie wurden der Treibsatz der deutschen Kultur und haben sie mit ihren Pionierleistungen in Wissenschaft und Ökonomie, auf dem Theater, in der Literatur und der Musik unendlich bereichert.

Der Islam als Religion hat eine solche Aufklärung noch vor sich. Auf seine uns inzwischen leidlich bekannten Verbandsfunktionäre können wir dabei nicht hoffen. Umso notwendiger ist es, dass wir, säkulare Muslime wie Demokraten in diesem Land, unseren Part an Verantwortung für die Integration der Muslime übernehmen: dass die hiesige Gesellschaft sich ihrer eigenen Grundlagen und Werte vergewissert, sie auch hinterfragt, bestätigt oder verändert. Aber dass sie zugleich unmissverständlich klar macht, dass ein Miteinander auf einem für alle verbindlichen „Gesellschaftsvertrag“ beruht, der keine Parallelwelten mit grundsätzlich anderen Normen und Rechtsvorstellungen duldet. Wir sind – um einen Gedanken des Islamwissenschaftlers Bassam Tibi aufzugreifen – eine kulturell plurale Gesellschaft, deren Miteinander durch wertebezogene Gemeinsamkeiten entsteht, nicht durch eine Aneinanderreihung multikultureller Parallelwelten.

Ich bin stolz darauf in Deutschland in Europa zu leben, auf meine Freiheit als Europäerin. So sehr mich manchmal wie Alfred Grosser sagt, das „deutsche Laster des Selbstmitleids“ nervt, so stolz bin ich darauf an den Debatten um die deutsche Geschichte, die Probleme des Zusammenlebens beteiligt zu sein, und mich einzumischen. Das ist wahre Freiheit und ein Zustand, der mich diese Gesellschaft als reich erscheinen lässt.

Das wir heute hier sind, das wir streiten, dass wir um die Zukunft unserer Länder ringen, das das so möglich ist, ist ein Teil dieser „meiner“ europäischen Kultur.

Es ist ein Grund, stolz zu sein.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Dr. Necla Kelek

 

1 Dan Diner ,Die versiegelte Zeit, Berlin 2005, S. 52

2 Richard Sennett, Respekt im Zeitalter der Ungleichheit, Berlin 2002

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Agenda

16 mars 2012, Nantes : Intervention dans le cadre du colloque "L'Europe face à la crise" organisé par la chaire de philosophie de l'Europe, à la faculté de droit et de science politique, en présence de Jean-Marc Ferry.

 

16 mars 2012, Saint-Malo : Intervention à la réunion-débat publique organisée par le Comité de soutien Bayrou 2012 sur la place de l'Europe dans la campagne présidentielle de François Bayrou et sur les enjeux économiques de la zone euro.

 

Plus de détails; Tout l’agenda.

Correspondants locaux

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Du nouveau

Le Monde 14 février, Le Monde, "Réconcilier les Européens avec l'Europe" Article co-rédigé par Sylvie Goulard et Mario Monti, Premier ministre italien, à l'occasion de l'intervention de ce dernier, en session plénière à Strasbourg. Dans le contexte actuel écrivent-ils, l'UE a besoin de plus de démocratie et d'une collaboration plus étroite entre les différentes institutions. Lire.

 

Nouvel obs 7 février, Nouvel Obs, "Merkel/Sarkozy : pourquoi leur connivence partisane est une faute de goût" Seizième article de Sylvie Goulard qui exprime sa réserve vis-à-vis du soutien d'Angela Merkel à l'égard de Nicolas Sarkozy. Lire.

 

Nouvel obs 1er février, Nouvel Obs, "Nouveau traité européen : l’euro vaut bien une messe" Quinzième article de Sylvie Goulard qui décrypte les enjeux du nouvel accord conclu le 30 janvier dernier, par vingt-cinq Etats membres de l'UE, pour renforcer la gouvernance de l’Union économique et monétaire. Lire.

 

La Croix 2 février, La Croix, "Il manque en France une vraie culture du débat". Lire.

 

31 janvier, Radio Centre Ville Montréal, Interview de Sylvie Goulard qui montre que l'Europe tient une place centrale dans le projet du Modem. Ecouter à la 0'30.

 

31 janvier, Lo Spazio della Politica, Interview de Sylvie Goulard sur la crise économique et financière. Lire.

 

Nouvel obs 26 janvier, Nouvel Obs, "Présidentielle : plaidoyer pour une élection ouverte sur l’Europe et le monde" Quatorzième article de Sylvie Goulard qui encourage les candidats à l'élection présidentielle à replacer l'Europe au coeur du débat politique. Lire.

 

EuropeInfos 25 janvier, Europe-info, "Ce que j’attends de 2012 : les Européens et l’Europe méritent plus de respect".
Lire en françaisLire en anglaisLire en allemand.

 

Nouvel obs 19 janvier, Nouvel Obs, "Les agences de notation diabolisées... parce qu'elles dérangent ?" Treizième article de Sylvie Goulard tendant à réhabiliter le rôle des agences de notation Lire.

 

arte 17 janvier, ARTE, Sylvie Goulard intervient dans l'émission Thema, dans le cadre d'un débat sur la crise de l'euro. Regarder.

 

euobserver 12 janvier, EUobserver, Sylvie Goulard explicite l'enjeu des eurobonds. Regarder.

 

Nouvel obs 12 janvier, Nouvel Obs, "Hongrie ou "l’Europe qui protège"... les tyrans ?" Douzième article de Sylvie Goulard visant à "décrypter" les enjeux de la campagne présidentielle. Lire.

 

11 janvier, Les Cahiers Croire, "L'Europe, une espérance", interview avec Sylvie Goulard. Lire.

 

 

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